Tambora Rekotz am 15.09.2011: Poino, Peter James Taylor and The Local Noise Orchestra + Kunstausstellung
Oft wird in der Kunst zwischen dem “Ding an sich”, dem konkreten oder elementaren Teil des Werks und dem Äußeren,einem der Kunst scheinbar als Verpackung dienendem Abfallprodukt ohne eigenen Wert, unterschieden.Vor allem die Hüter der klassischen hohen Kunst ziehen hier eine klare Grenze, wenn jene in Museen gesperrt möglichst unbeeinflusst von dem Rest der Welt wirken soll. In der Popkultur ist das aber schon wieder anders, hier wird die Verpackung oder das Image als Teil des Werks akzeptiert, regt ebenso zum Nachdenken an wie Töne oder Farben. Was das ganze mit Tambora Rekotz, Poino und Peter James Taylor zu tun hat fragt ihr euch jetzt?
Schon beim betreten der Sturmglocke wird klar das die Kuratorinnen, namentlich Miriam Stil, Coralie Sprengel und Bianca Thomas, der Impotenz abgemagerter Zwangsjackenkunst mithilfe allerlei Medien und dem Verwischen der Grenzen zwischen diesen auf gelungene Weise beigekommen sind. Denn einmal durch die Türen und mit dem Stempelabdruck auf dem Handrücken findet oder verliert man sich irgendwo zwischen mit buntem Bildmaterial tapezierten Wänden, entdeckt bei genauerem Hinschauen vielleicht auch rudimentär gezeichnete Traumsequenzen oder Texte über gekreuzigte Affen, bleibt kurz vor der Zuckerwattemaschine stehen und macht erstmal große Augen. Die scheinbar willkürlich angeordneten Kunstobjekte wirken zusammen als ein großes Werk, ummanteln die noch zu entdeckenden Dinge wie eine Zwiebel und gleich einer solchen fließen beim Enthüllen des Kernareals schon mal ein paar Freudentränen. Unweigerlich stößt man dann schließlich noch auf einige Filminstallationen und Kopfhörer mit passender Tonuntermalung der Bilder. Zusammengehalten wird all das schließlich noch durch die eingespielte Musik, die Leute, den Zigarettenrauch und eigentlich fängt sowas schon bei der Wahl der Location an – und wie sich zeigte verband sich das alles so wunderbar, bis es seine Auflösung, oder besser den Höhepunkt, in der Musik der Bands fand.
Zunächst spielten Poino (übrigens Griechisch für Schmerz oder Strafe), die ich auf Platte schon sehr mochte und nicht lang vor dem Konzert kennengelernt hatte, ein wild-ekstatisches Set das dem Bandnamen alle Ehre machte. Angenehm flutet dabei noisiger Rock das Ohr, gibt einem das lang ersehnte Schwindelgefühl längt erlebter Ohnmachtsanfälle zurück ohne in Monotonie oder nervötendes Gedudel, bei dem der Song übrigens vor lauter Experimentierwut gerne mal vergessen wird, zu verfallen. Stattdessen schwirren Gitarren in oft vertracktem Wirbel durch die Sturmglocke, lassen den sympathisch-dreckigen Vocals grade noch so Luft zu atmen und legen sich gerne mal mit den treibenden Rythmen der Drums an. Da gibt man den Platz an der Zuckerwattemaschine auch gerne mal auf um sich den Kopf abzuschrauben oder die wild zuckenden Glieder anderer Musikmenschen näher kennenzulernen als der eigenen Gesundheit lieb ist, um mit einer Dopaminausschüttung belohnt zu werden.
Nach kurzer Pause und dem Gedanken an die warnenden Worte Ohrstöpsel parat zu halten war es schließlich an der Zeit für Peter James Taylor und das Local Noise Orchestra, welches aus insgesamt vierzehn Musikern bestand, von denen einige ihr Können normalerweise in so großartigen Bands wie Whitebuzz, Anal Mustard, Frames,Hermelin und Man vs. Nature. spielen. Damit hier auch niemand vergessen wird:
Schlagzeug:
Tim Mohr
Bianca Thomas
Etienne Wagner
Gitarren:
Sven schneider
Niklas Pfeil
Kiryll Kulakowski
Fritz Seegers
Patti Meyer
Eddi Paffenholz
Arman Karimi
Bass:
André Schiller
Julian “Moses” Hoffmann
Till Albrecht Jann
Hannes Koch
Was folgte ist eigentlich nicht recht in Worte zu fassen, sondern muss, um verstanden zu werden, dann doch besser erlebt werden.
Ein Versuch: All das vorher aufgebaute, Bilder, Träume, Buchstaben, Filme und so weiter beginng langsam zu verschwimmen und zu spät bemerkt man den tiefen Schlund der sich da auftut um alles was man an diesem Abend erlebt hat aufzusaugen und wieder auszuspucken, eine wiedergekäute Masse aus Wahnsinn und Freude und Farben und Tönen und mehr noch auf die Hörer zuzuspucken. Man merkt wie der Sound einen anhebt, aufhebt und wegwirft. Man ahnt die Gitarrentürme die sich da aufbauen mehr als das man sie sieht, spürt sie aber in lieblichster Gnadenlosigkeit auf sich herunterstürzen, jegliche Andeutung kognitiver Fähigkeiten oder Vernunftsbegabung unter sich begrabend wird das ganze zu einem unreligiösen Ritual bei dem man nicht stillsitzen kann. Mit Boris gesagt: Amplifier Worship, aber auf eine sehr lebendige Art, völlig “guts-over-brains” ohne durch Ideenlosigkeit zu langweilen. Das Vergnügen an der Sache, Hingabe und Konzentration – irgendwo im Wechselspiel dazwischen waren die Gesichter der Musiker und den Hörern. Was bleibt ist ein wohliger Tinitus.

